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Tischreden und Lesekost

Charlotte Bellin - Leiterin der Ev. Altenhilfe Gesundbrunnen Kassel

"Reformation retro"

Charlotte Bellin Witzenhausen
Frauenmahl 14.5.2022
„Reformation retro"

Liebe „Tischdamen“,

zu Beginn der Coronapnademie standen plötzlich die Alten- und Pflegeheime im Blickpunkt der Öffentlichkeit. Es wurde auf den Straßen geklatscht und gesungen für Mitarbeitende in der Pflege – wow! Sollte die Langzeitpflege endlich die gesellschaftliche Aufmerksamkeit und Anerkennung erhalten, die sie verdient? Was damit einherging:

Ständige Änderungen der bundes- und landesweiten Regeln und Vorschriften. Neue Verordnungen kamen häufig Freitagsmittags, gerne auch vor Feiertagen. Der Mensch spielte dabei keine direkte Rolle. Es musste gehandelt werden, denn die Ordnungen traten unmittelbar in Kraft. Abstimmung mit dem Träger in Hofgeismar, individuelle Entscheidungen mit den Mitarbeitenden entwickeln und diese transparent und so verständlich machen, dass sie vielen Debatten vor allem mit den Angehörigen Stand halten konnten.

 Reformation retro: Sich auf die Wurzeln und den Auftrag besinnen Während die einen noch klatschten, hörten die anderen auf die Nachrichten aus Wolfsburg (Hans-Lilje-Heim) eines der ersten Altenheime, in denen das Corona-Virus „zuschlug“. 112 von 162 Bewohner*innen waren infiziert, 47 starben: In keiner Einrichtung hatte es im Frühjahr 2020 so viele Corona-Tote gegeben wie im Hanns-Lilje-Heim. Ein Wolfsburger Rechtsanwalt und Angehörige hatten daraufhin Strafanzeige gestellt und sie mit vermeintlichen Hinweisen auf schlechte Hygiene- und Arbeitsbedingungen im Heim begründet. Jedoch konnte die Staatsanwaltschaft zum Glück kein Fehlverhalten sehen.

 Das Klatschen verschwand, stattdessen wurden Einrichtungen Klatschen links und rechts um die Ohren gehauen und der innere und äußere Druck stieg. Der Alltag in den Einrichtungen hat sich massiv verändert. Seit über 2 Jahren gibt es Einlasskontrollen in den Heimen. Bis heute ist ein Besuch ohne einen negativen Antigen-Testnachweis nicht möglich. So viel Distanz wie nötig und so viel Nähe wie möglich. Das erforderte täglich neue und individuelle Entscheidungen über Ausnahmeregelungen in „begründeten Notsituationen“ – dies erlebte und erlebe ich oft belastend. Als wir im Oktober 2020 einen vergleichsweise kleinen Ausbruch in unserem Haus hatten, wurde ein allgemeines Besuchsverbot von einer auf die andere Stunde verhängt. Das war eine harte Herausforderung. Denn immer leben Menschen bei uns, die im Sterben liegen und für die der Besuch von Angehörigen unglaublich wichtig ist. Oder auch Menschen, die an Demenz erkrankt sind und dabei sind, sich selbst zu verlieren, sie benötigen dringend Besuch von vertrauten Menschen. Recht schnell habe ich mich über das Besuchsverbot hinweg gesetzt und insbesondere die Begleitung Sterbender durch Angehörige ermöglicht. Aber es hat mich innerlich umgetrieben. Mache ich das richtig? Gefährde ich mit diesen Entscheidungen alle anderen Bewohner*innen und die Mitarbeitenden? Was ist, wenn jetzt ein Ausbruch kommt? Die Schlagzeilen in der Presse, im Rundfunk und Fernsehen sah ich schon vor meinem inneren Auge.

Reformation retro: Sich den Herausforderungen täglich neu stellen und klug handeln Als besondere Herausforderung habe ich die Notwendigkeit des schnellen Handelns erlebt. Anfang Dezember 2020 stand es fest, es gibt Impfstoff gegen das Corona-Virus. Alte Menschen, die in Heimen lebten, sollten als Erste die Impfung angeboten bekommen. Nach Weihnachten sollte es losgehen. Die Vorbereitungen für ein so anderes Weihnachtsfest waren abgeschlossen. Keinen gemeinsamen Gottesdienst am Heiligen Abend (immerhin die Übertragung in die Zimmer), keine gemeinsame Weihnachtsfeier – eigentlich unvorstellbare, spürbare Einsamkeit für die Bewohner*innen. Auch für die Mitarbeitenden war keine Weihnachtsfeier möglich und so hatten wir zum „Weihnachtswürstchen im Freien“ an den Grill eingeladen.

 Ich sehe mich heute noch am 23.12.2020 mittags im Garten des Stiftsheims stehen, in einer Hand das Brötchen mit Wurst, in der anderen Hand das Telefon das dann auch prompt klingelte. Es war das Mobile Impfteam am anderen Ende der Leitung. „Guten Tag Frau Bellin, wir wollten anfragen, ob wir am 01.01.2021 zu Ihnen ins Heim zum Impfen kommen können.“ Kopfkino – am Neujahrstag???? Ach nee, das muss doch nicht sein….. oder doch, Moment mal …. Die Bewohner*innen sind ohnehin da, sie wohnen doch hier und ein Teil der Mitarbeitenden hat Dienst ….also sagte ich zu, ohne Absprache mit Kolleg*innen. Sie kennen die Formalitäten, die für die Impfungen nötig sind und können vielleicht erahnen, welch Papierkrieg uns zwischen den Jahren bevorstand, denn wir benötigten die Einverständniserklärungen von Angehörigen und Betreuer*innen für fast alle Bewohner*innen.

Dies übrigens bei jeder weiteren Impfung neu. Dennoch war es ein Segen, denn so waren wir bei allen Impfdurchgängen immer gleich am Anfang mit dabei, was mit ein Grund dafür sein kann, dass wir bislang vergleichsweise gut durch die Pandemie gekommen sind. Dazu wurde und wird den Mitarbeitenden viel abverlangt. Immer wieder sind wir aufgefordert, in unserem Privatleben sehr vorsichtig mit Kontakten umzugehen und möglichst große Veranstaltungen etc. zu vermeiden – in der Verantwortung gegenüber den alten Menschen, der sogenannten „vulnerablen Gruppe“.

Vulnerabel sind wir inzwischen wohl alle geworden. Und der Gesetzgeber hat immer neue Überraschungen parat. Die letzten Wochen und Monate hat uns die „einrichtungsbezogene Impfpflicht“ herausgefordert. Die Diskussion zur Einführung und Umsetzung hat große und sehr konträre Diskussionen unter den Mitarbeitenden ausgelöst und es kam zum Teil zu richtigen Anfeindungen untereinander. Auch wenn wir inzwischen eine 98,8%ige Impfquote von doppelt Geimpften und fast 96,3% geboosterte Mitarbeitende haben, spitzt sich die Situation der Ungeimpften, und ich spreche hier absichtlich nicht von Impfverweigerern, zu.

Die Nicht-Einführung der allgemeinen Impfpflicht hat das Spannungsfeld für uns leider nicht leichter gemacht. Nach 2 Jahren wird man, nein, bin ich (streckenweise) müde geworden. 2 Jahre lang immer wieder dieselben Diskussionen mit Angehörigen, mit Therapeuten, mit Ärzten, mit Ämtern, mit Mitarbeitenden …… da fehlt doch noch was? Ach ja richtig, die Bewohner*innen – die sind ja auch noch in den Häusern. Und die, um die es eigentlich geht, verhalten sich am Stillsten, sie „erdulden“ , was ihnen auferlegt wird. Alles andere wäre falsch gesagt. Die Bewohner*innen mussten von hier auf jetzt ein eingeschränktes Besuchsangebot akzeptieren, Gruppenveranstaltungen wurden abgesagt, das reichhaltige Kulturprogramm (Konzerte, Lesungen, Begegnungen mit Kindern und Jugendlichen) musste gestrichen werden.

Und als ob das nicht genug wäre, kam im Februar der Kriegsausbruch in der Ukraine, der bei Vielen schlimme Erinnerungen und alte Bilder hervorgerufen hat …..

Reformation retro: Wir bleiben nicht bei Problemen stehen, sondern schauen hoffnungsvoll nach vorne Wir konnten alle Mitarbeitenden im vollen Umfang weiter beschäftigen, zum Teil mussten sie etwas flexibel sein und andere Aufgaben wahrnehmen, aber es gab keine Kurzarbeit. Dennoch, das spüren wir, jetzt wo manches wieder möglich ist, müssen wir schauen was verloren gegangen ist und was wir wieder aufbauen können. In den letzten 2 Jahren war auch der Einsatz von Ehrenamtlichen nur bedingt möglich. Wir haben für diese Menschen, die uns innerlich sehr verbunden sind neue Aufgabengebiete gesucht und gefunden.

Wir alle haben in den letzten beiden Jahren gelernt neu hinzuschauen und zu differenzieren. Sie glauben gar nicht, was alles möglich ist. Zum absoluten Schlager sind CD-Konzerte geworden, die in die Zimmer übertragen werden. Alle 14 Tage samstags spielt eine Bewohnerin aus ihrem reichhaltigen CD-Schatz Musik im Andachtsraum über die Anlage ein, moderiert dazu und alle sind hellauf begeistert. Anstelle von Adventszusammenkünften gibt es seit 2 Jahren den akustischen Adventskalender und auch Gymnastik über die Lautsprecheranlage ist möglich. In der Pandemiezeit ist ein einziger Gottesdienst ausgefallen, nämlich der am 12.03.2020, der Freitag an dem die WHO die Coronaviruserkrankung zur Pandemie erklärt hat. Vor lauter Schreck fiel der Gottesdienst aus – aber bis zum nächsten Freitag hatten wir kapiert, dass die Gottesdienste aus dem Andachtsraum ohnehin in die Zimmer übertragen wurden. So feierten wir wochenlag Gottesdienste ohne Gemeinde im Andachtsraum, nur mit Pfarrer*in und Organist*in und die Bewohner*innen hörten über die Lautsprecher zu. Gewöhnungsbedürftig aber dennoch wohltuend.

Wir müssen und haben das Leben neu gelernt und vor allem die Besinnung auf das Wesentliche. Was brauchen wir wirklich zum Leben? Wie viele gute Voraussetzungen und Möglichkeiten haben wir und lassen diese ungenutzt? Natürlich stoßen wir dabei an die Grenzen des Möglichen. Und menschliche Begegnungen und Berührungen, das Begleiten in den letzten Lebensstunden …… das lässt sich nicht ersetzen und es schmerzt ungemein, wo dies nicht möglich sein konnte und kann. Bei einem überdurchschnittlich hohen Anteil an „Pflegemännern“, die mit der Doppelbelastung zu Hause ebenso betroffen sind, wie Frauen, vermag ich nicht sagen, ob dies typisch „weiblich“ ist.

Die Problematik bildet sich auch eher in der Großeltern- als in der Elterngeneration ab. Für mich ist es eine Frage der inneren Haltung. Worte Dietrich Bonhoeffers haben mir in dieser Zeit der schnellen und weit wichtiger noch, der oft einsamen Entscheidungen sehr geholfen: Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern auf ihn verlassen. Vielen Dank!

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