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Tischreden und Lesekost

Joane Beuker - Theologin und Pädagogin, Studienleiterin im Centre for Mission and Leadership Studies der VEM (Vereinte Evangelische Mission) in Wuppertal

Krefeld-Viersen, 16.10.2011


1. Sind Veranstaltungen nur für Frauen überflüssig?

In Deutschland höre ich häufig von Bekannten, Männern und Frauen meines Alters:

„Emanzipation ist längst überholt. Frauen können doch alles erreichen, was sie wollen und haben alle Möglichkeiten.“ Aber nicht nur in meiner Generation höre ich solche Voten. Auch bei der Planung von Seminaren heißt es immer mal wieder: „Veranstaltungen, an denen nur Frauen teilnehmen dürfen, sind doch längst überholt und überflüssig.“ Die Notwendigkeit dieser Veranstaltungen wird in Frage gestellt. Im Folgenden schildere ich drei Erlebnisse, die verdeutlichen, welche Bedeutung Seminare für Frauen haben können.


1.1 Tansania

Bei einer Studien- und Begegnungsreise in Tansania, „Women to Women“, die meine Kollegin Irene Girsang leitet, treffe ich viele engagierte Frauen, die trotz vieler Schwierigkeiten im eigenen Kontext, sehr mutig, ehrgeizig und tatkräftig sind. Auf der Reise lerne ich Pastorin Alice Kabugumila kennen. Alice wartete 32 Jahre auf ihre Ordination. Sie gehörte zu den ersten Frauen, die in Afrika zum Studium zugelassen wurden. Sie gehörte zu den Besten ihres Jahrgangs. Nach ihrem Abschluss wurde ihr allerdings die Ordination verweigert – schlichtweg, weil sie eine Frau war. Mich beeindruckt an Alice sehr, dass sie so lange für ihre Ordination gekämpft hat. Auf den ersten Blick scheint sie überhaupt keine Kämpfernatur zu sein. Ihr freundliches Gesicht strahlt Ruhe und Gelassenheit aus. Von Verbitterung findet sich keine Spur.

Je mehr Zeit ich mit Pastorin Alice verbringe, desto klarer wird mir, warum Alice so stark ist und woher sie ihre Kraft nimmt. Alleine hätte sie es vielleicht nicht geschafft. Eine Gruppe von Diakonissinnen und starken Frauen, die kein Studium aufnehmen konnten oder durften, stand und steht Alice zur Seite und stärkte ihr den Rücken auf dem langen Weg zur Ordination. Die Solidarität der anderen Frauen und das Kämpfen für die gemeinsame Sache, verlieh diesen Frauen Kraft. Ich bin sehr dankbar, die Frauen kennenlernen zu dürfen. Ich höre verschiedene Geschichten und merke: „Wie gut, dass wir unter Frauen sind“. Im Nachhinein bin ich mir sicher, dass, ich viel weniger von der Tatkraft der Frauen und ihrem Mut gehört hätte, wenn Männer Teil der Begegnungsreise gewesen wären. Wahrscheinlich wäre auch weniger Raum gewesen, unsere Sorgen und Träume zu teilen.

Diese Erfahrung zeigt, wie wichtig Räume für Frauen sind. Aber gleichzeitig wird deutlich, dass es immer noch Räume gibt, wie die Ordination, die Frauen lange Zeit verschlossen waren oder immer noch verschlossen sind.


1.2 Philippinen

Ein halbes Jahr habe ich auf den Philippinen in einer internationalen Frauengemeinschaft (Ökumenische Wohngemeinschaft der VEM) gelebt. Ich treffe bei einer Veranstaltung auf gebildete Frauen. Alle haben ein Studium hinter sich und Familie. Ich bin beeindruckt von diesen starken Frauen, die gesellschaftlich und politisch sehr aktiv sind und ihre Stimmen erheben.

Irgendwann kommt das Thema auf die Sexualität und Selbstbestimmung. „Gut, dass wir unter uns sind“, sagen die Frauen, „dann können wir auch einmal über solche Themen sprechen“. Sie erzählen, dass sie, wenn es um den Geschlechtsakt geht, kein Mitbestimmungsrecht haben. Wenn ihr Ehemann Sex haben möchte, stehen sie zur Verfügung. Ein „nein“ seitens der Frau wird nicht akzeptiert. Und die Frage kommt auf, ob es nicht auch biblisch sei. Sagt Paulus nicht, dass die Frau sich in der Ehe dem Mann fügen solle und sie dem Manne untertan sei? Aus dem Gespräch und der Situation heraus machen wir eine gemeinsame Bibelarbeit zu 1. Korinther 7. Erst da wird uns allen deutlich, dass der Text Mann und Frau gleiche Rechte zuspricht. Und wir diskutieren, was es heißt, über den Körper des anderen zu verfügen. Die Bibelauslegung und das vorherige Gespräch hätten sicherlich nicht so stattgefunden, wenn Männer anwesend gewesen wären.


1.3 Deutschland

In einem männerdominierten Gremium bin ich die einzige Frau – dazu noch die jüngste. Wir diskutieren. Ich habe eine sehr gute Idee, die ich ins Gespräch einbringe. Sie wird nicht gehört - geradezu übergangen. 45 Minuten später wird meine Idee von einem Kollegen, 20 Jahr älter, aufgegriffen. Jetzt findet sie Zustimmung. Ich frage mich warum. Im Nachhinein stelle ich fest, dass ich die gute Idee zu früh eingebracht habe. In Sitzungen gelten die ersten 20 Minuten als Ausfechtung der Rangfolge. Erst wenn die unsichtbare Rangfolge klar ist, werden Ideen eingebracht und auch gehört. Zudem machen Ton und Selbstbewusstsein folglich die Musik. Im Vergleich zu dieser Sitzung habe ich den Eindruck, dass auch in Deutschland bei Sitzungen, an denen allein Frauen teilnehmen, häufig sehr zielführend diskutiert wird. Wenn die Beziehungen der Frauen untereinander wohlwollend und ermutigend sind, kann viel erreicht werden. Aber auch ehrliche Konkurrenz kann weiterführen.


2. Thesen


2.1 Innerhalb der Kirche sollte es weiterhin Räume des Austausches geben, die allein für Frauen gedacht sind


Frauen brauchen auch weiterhin Räume des Austausches. Räume, in denen ein Klima der wohlwollenden Unterstützung herrscht. Sehr gefreut habe ich mich über die Einladung zu diesem Frauenmahl – gefreut auf die Beiträge, die Diskussionen, die Atmosphäre und natürlich auf das Essen.

Bis heute bleibt mir unverständlich, woher der Vorwurf kommt, dass ein Zusammenschluss von Frauen zum „Zickenkrieg“ führt – und dass Frauen sich missgünstig gegenüberstünden. Natürlich mag es so etwas auch geben. Aber trotzdem erlebe ich die Gesprächskultur bei Veranstaltungen, die sich gezielt an Frauen richten, immer als sehr bereichernd. Innerhalb der Kirche sollte es deshalb weiterhin Räume des Austausches geben, die allein für Frauen gedacht sind - in Deutschland und vor allem weltweit.


2.2 Frauen sollten immer wieder auch mit Männern diskutieren und Themen einbringen


Meines Erachtens gibt es viel zu viele Seminare allein für Frauen, deren Inhalt und Ergebnis viele Männer nie zur Kenntnis nehmen. Zwischen Frauenverbänden, Frauenveranstaltungen und feministischen Sozietäten muss es immer wieder auch einen Austausch mit Männern geben. Ich habe von den Erfahrungen der Frauen in der Ökumene, von ihren Lebensgeschichten sehr viel gelernt und lerne bis heute viel davon. Männern bleibt diese Tür oft verschlossen. Ich werde mitgenommen von Frauen auf eine Gefühlsreise. Männer hören seltener solche Lebensgeschichte und erleben weniger die Stärke, das Engagement und die Solidarität, die es unter Frauen geben kann. Jede von uns geht bei der persönlichen Meinungsbildung durch einen Prozess. Diese Entwicklung muss auch Männern zugestanden werden. Allerdings braucht es weiterhin gute Ideen, Konzepte und Erfahrungen, wie wir gemeinsam als Frauen und Männer an Themen arbeiten können, ohne dass eine Erfahrungswirklichkeit, die leider häufig die der Frauen ist, ausgespart ist und bleibt.


Abschließend zwei Fragen zum Nachdenken und zur Diskussion:

1. Warum sind für mich Veranstaltungen für Frauen besonders wertvoll?

2. Wo trage ich dazu bei, dass die thematischen Aspekte, die ich mit Frauen diskutiere, auch von der Männerwelt wahrgenommen und ernst genommen werden?

Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
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