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Tischreden und Lesekost

Dr. Friederike Habermann - Volkswirtin, Historikerin, Mannheim

Hamburg, 02.05.2013


Wir können auch anders (wirtschaften)


Gott gibt seine Gaben freiwillig und ohne Einschränkung – das lässt sich vielen Stellen der Bibel entnehmen.

Und der Mensch nur, wenn er dafür Geld bekommt?

Ist denn der Mensch nicht als Ebenbild Gottes geschaffen?


Inhaltlich möge sich mein Beitrag zum Frauenmahl, so hieß es bei der Einladung, zwischen "Soviel Du brauchst" – dem Kirchentagsmotto – und "JETZT_ist die Zeit" (dem Zwei-Jahresmotto des Frauenwerks) bewegen. Nun, es kann keine bessere Zusammenfassung geben für das, was mich in den letzten Jahren bewegt hat, was ich selbst erfahren durfte und was ich heute weitergeben möchte.


Soviel Du brauchst:


Das ist viel! Wir brauchen so viel, um ein erfülltes Leben zu haben! Wir brauchen Lebenszeit, die diesen Namen verdient. Wir brauchen menschlichen Kontakt, der uns selbst gilt und nicht unserem Geld- oder Arbeitsvermögen. Wir brauchen Liebesbeziehungen, die sich nicht auf Status und Attraktivitätsgrad gründen. Wir brauchen die Sicherheit, von anderen nicht fallengelassen zu werden, wenn wir versagen. Wir brauchen die Freiheit, uns in dieser Welt verwirklichen zu können.

Der Ökumenische Rat der Kirchen spricht vom "Leben in Fülle!", zu dem wir berufen sind. Oder, mehr noch: davon, dass wir uns gemeinsam dafür einsetzen, dass alle Menschen an der Fülle des Lebens Anteil haben.


Dazu gehört auch: gesunde Nahrung, ein trautes Heim – was immer das für die einzelnen bedeuten mag –Kleidung, Möbel sowie Kommunikationsgeräte oder was auch immer unsere individuellen Bedürfnisse sind.

Aber wir brauchen diese nicht, nur weil sie die Nachbarin hat. Wir brauchen sie schon gar nicht deshalb, weil sie die Nachbarin nicht hat. Wir brauchen nicht: immer mehr!


Wir brauchen die Bohrmaschine nur in jenen 6 bis 13 Minuten, in denen wir sie als durchschnittliche Kund_in in Betrieb nehmen – die restlichen Jahre ihrer Existenz könnte sie von anderen genutzt werden. Wir brauchen nicht das Auto in der Garage, sondern wir wollen in den Urlaub fahren und jederzeit unsere Freundin besuchen können. Wir brauchen keinen eigenen Konzern mit Millionenprofiten, sondern nur so viel, wie wir mit unserer begrenzten Lebenszeit und unseren begrenzten Sinnen zu erfahren überhaupt fähig sind.


´Besitz statt Eigentum´ lautet eines der Prinzipien, die sich in den letzten Jahren in Ansätzen solidarischer Ökonomie wiederfinden lassen: Nicht das Eigentum zählt, sondern wer etwas braucht und gebraucht. So entstehen in den letzten Jahren sogenannte ´Nutzungs-gemeinschaften´: Dinge werden gemeinsam genutzt. So entstehen ´Umsonstläden´: Wenn etwas aus meinem Besitz fällt, weil ich es nicht mehr gebrauche – ein Kleidungsstück, eine Lampe etc. – , bringe ich es dort hin. Jemand anderes kann es dann in Besitz nehmen. Finde ich dort etwas, das ich gebrauchen kann, nehme ich es. Aber ich nehme nicht, weil ich etwas gebracht habe.


´Teile, was Du kannst´, könnte dies auch genannt werden. ´Teile, was Du kannst´ bedeutet aber auch: Teile Dein Wissen! Du kannst Deutsch, Deine Nachbarin nicht? Teile es! Teile Deine Fähigkeiten: Du weißt, wie man ein Zimmer renoviert, sie nicht? Teile es! Und Dein Wissen, Deine Fähigkeiten werden sich in der Welt vermehren.


Tu es nicht, weil Du von Deiner Nachbarin erwartest, dass sie dafür den Kuchen zu Deiner nächsten Feier backt. Aber freu Dich, falls sie dies tut.


Tausche nicht, sondern tue es, weil es Dir Spaß macht. Weil Du wichtig findest, dass Deine Nachbarin das bekommt, was sie möchte. Weil es sinnvoll ist.


Natürlich geht es nicht nur um die Nachbarin. Auch für das Teilen von Wissen, Fähigkeiten und Tätigkeiten entstehen derzeit Nutzungsgemeinschaften. Zusammengefasst in dem Prinzip: ´Beitragen statt Tauschen´.


Es geht um 'den Nächsten', von dem Jesus spricht. Also: um alle.


Während wir derzeit in einer Gesellschaft leben, die uns zu ´strukturellem Hass´ zwingt, in der je besser unser Lebenslauf aussieht, desto wertloser der einer anderen wird, in der den Job, den wir bekommen, jemand anderes nicht bekommt, in der ´Konkurrenz´ das Zauberwort für Erfolg und Anerkennung ist.


Die neue Erklärung „Gemeinsam für das Leben“ des Ökumenischen Rates der Kirchen ruft dazu auf, eine Gegenkultur vorzuleben und Alternativen zu götzendienerischen Visionen anzubieten. Aufgabe sei es, die Ökonomie der Habgier anzuprangern und die göttliche Ökonomie des Miteinanderteilens und der Gerechtigkeit zu praktizieren.


Wir brauchen eine Gesellschaft, die statt auf ´strukturellem Hass´ auf ´struktureller Gemein-schaftlichkeit´ beruht. In der wir uns so verwirklichen können, dass es zum Wohle der anderen dient.


JETZT ist die Zeit:


Tue, was Du schon immer tun wolltest: Dich in dieser Welt in Deinen Taten verwirklichen.


Das geht nicht?


Der Hof, den Du so gerne begrünen würdest, gehört einer transnationalen Wohnungsgesellschaft? Die Straße, auf der Du ein Fest feiern möchtest, muss für die Autos frei bleiben? Du kennst keine jungen Eltern, denen Du anbieten könntest, auf ihre Kinder aufzupassen?


Du hast keine Zeit, Sinnvolles zu arbeiten, weil Du Geld verdienen musst?

´Das Private ist politisch´: Das erkannte die Frauenbewegung der Siebziger Jahre. Veränderung beginnt im Alltag: Das wusste auch Jesus. Im Alltagshandeln setzen seine Worte an. Doch als er sagte: „Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“, wird er nicht nur das ab und zu gegebene Almosen gemeint haben. Sein Augenmerk auf den Geringsten bedeutet, diesen nicht mehr Geringsten sein zu lassen. Und letztlich: eine Gesellschaft zu ermöglichen, in der es keine Geringsten gibt.


Wir sind aufgerufen, eine Bewegung hin zum Leben zu bezeugen und den Weg der Solidarität zu beschreiten, so der Ökumenische Rat der Kirchen. Spiritualität sei Energie für ein Leben in Fülle und fordere Engagement im Widerstand gegen alle Kräfte, Mächte und Systeme, die Leben verweigern, zerstören und einschränken. Der Glaube an das Leben als Geschenk Gottes verlange, so heißt es weiter, dass wir uns ungerechten Systemen und der Politik der Herrschaft und der Ausbeutung, welche die heutige Weltwirtschaftsordnung prägen, entgegenstellen.


´Besitz statt Eigentum´, ´Teile, was Du kannst´ und ´Beitragen statt Tauschen´ bezeichne ich als Grundlagen einer ´Ecommony´, als ´Koordinaten für ein Wirtschaften, welche durch ihre Form gesellschaftlicher (und nicht zwangsweise persönlicher) Gemeinschaft eben genau das verwirklicht.


JETZT_ist die Zeit:


Die Knappheit aus unseren Köpfen zu verbannen. Im Hier und Jetzt das zu leben, was wir leben wollen; die Fülle des Lebens für uns zu verwirklichen – und für jede und jeden zu erreichen.


„Mach´s wie Gott“, bringt es ein Graffiti aus Zürich auf den Punkt: „Werde Mensch.“


Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
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