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Tischreden und Lesekost

Dr. Margot Käßmann - Botschafterin des Reformationsjubiläums

Prof. Dr. Dr. h.c. Margot Käßmann | Botschafterin des Rates der EKD für das Reformationsjubiläum 2017  
Evangelische Kirche in Deutschland | Charlottenstraße 53–54 | D-10117 Berlin
Tel: +49 030 203 55 – 311 | Fax: +49 030 203 55 – 341 | botschafterin@ekd.de | www.ekd.de
 
Ein Wörtchen – die Kraft des Wortes
Tischrede beim Frauenmahl in Wittenberg am 12. August 2017
 
Ach ihr lieben Frauen, ein Wörtlein kann ihn fällen, heißt es in Luthers Lied „Ein feste Burg ist unser Gott“. Ihn, den Satan, den Widersacher meint Luther. Und das Wort, das ist für ihn Jesus Christus, „das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben“ (Barmer Theologischen Erklärung von 1934).
Liebwerte Frauen, lasst uns schauen wo ein Bibelwort fällt, was da so gedacht und gesagt wird.

 

1. Das beginnt mit den markigen Worten der so genannten Kirchenväter. Da schreibt Augustin an einen Freund: „Ob es in einer Ehefrau oder in einer Mutter steckt, es ist immer die Eva, vor der wir uns in jeder Frau hüten müssen“. [1]
Die Männer also müssen sich hüten vor der Begierde, die die Frauen wecken. Luther, der ja etwa mit dem Zugang zu Bildung einiges für die Frauen bewerkstelligt hat, schreibt auch: „Ich … habe mich niemals um eine Frau bemüht und ich weiß nicht, ob ich mich jemals verheiraten werde. Wenn ich es doch tun sollte, so nur um der täglichen Scherereien enthoben zu sein und meine Zeit ganz dem Herrn widmen zu können.“ [2]
Und zuletzt noch Johannes Calvin: „Die einzige Schönheit, die mich anzieht, ist diese, daß sie bescheiden, gefällig, nicht gehässig, sparsam, geduldig und für meine Gesundheit besorgt sei.“ [3]
Schauen wir aber die Schöpfungsgeschichte an, ist da keine Hierarchie, keine Über- und
Unterordnung, da ist Gottebenbildlichkeit und Würde jedes Menschen ganz gleich welches
Geschlecht er oder sie hat, ganz gleich, wie er oder sie liebt.
Ein Wörtlein kann die theologischen Verengungen fällen, in die männliche Theologen jahr-
hundertelang unsere Kirche verführt haben:
► „Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf
sie als Mann und Frau.“ (1. Mose 1,27)  

 

2. Wir sind berufen
Ich denke an den zähen Kampf um die Frauenordination. Aufgrund des genannten „Pfarrernotstands“ durften Frauen im Zweiten Weltkrieg als „Vikarin“ arbeiten. In der Debatte um eine Zulassung zum vollen Amt, hieß es, Gott habe nach Genesis 2 die Frau schließlich zur „Gehilfin“ des Mannes geschaffen, und die paulinische Kephale-Struktur wurde gern zitiert:
Der Mann ist das Haupt der Frau. (1. Kor 11, 2ff.). Aber es gab auch nicht-theologische Faktoren, die Frage der Unreinheit etwa: Darf eine menstruierende Frau das Abendmahl austeilen? Kann eine verheiratete Frau, eine also, die Sexualität lebt, von der Kanzel sprechen?  
Mit Theologie hat beides nichts zu tun.  
Ich kann das nur kurz fassen: Sie kam, die Frauenordination. Zuletzt sogar in Schaumburg Lippe – 1991! Und erst 1972 verloren Frauen nicht mehr ihre Ordinationsrechte, wenn sie heirateten.  
Es ist ein großer Erfolg, dass ordinierte Pfarrerinnen und Bischöfinnen Normalität geworden sind in den Kirchen der Reformation. Denn dies entspricht lutherischer Tauftheologie: Alle Getauften sind Priester, Bischof, Papst. Es war ein langes Ringen, bis klar wurde: Frauen sind auch getauft. Aber dieser Kampf ist nicht vorbei. Die Synoden in Polen und Australien etwa haben erst vor kurzem die notwendige Zweidrittelmehrheit für die Frauenordination knapp verpasst. Der Bischof der lutherischen Kirche in Lettland, Vanags, hat jahrelang dafür gearbeitet, dass die Frauenordination dort wieder abgeschafft wurde. Und ein deutscher Theologieprofessor sinniert in seinem Buch 2011 darüber, dass inzwischen zu viel „Sopran gesungen“ werde in unserer Kirche. Ein – in diesem Fall etwas längeres – Wörtlein kann die patriarchale Verengung der kirchlichen Ämter fällen:  
► Aber der Engel sprach zu den Frauen: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht. Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt und seht die Stätte, wo er gelegen hat; und geht eilends hin und sagt seinen Jüngern: Er ist auferstanden von den Toten. (Mt 28, 5f.)

 

3. Feministische Theologie ist kein Seitenthema
Die Verunglimpfung der feministischen Theologie hat immer wieder Urstände gefeiert. Fast ein Schimpfwort war das! Vor meiner Wahl zur Landesbischöfin 1999 musste ich mich immer wieder der kritisch besorgten Nachfrage stellen, ob ich etwa feministische Theologin sei. Da sei den Frauen Dank, die wie Dorothee Sölle oder Elisabeth Moltmann Wendel auf Kirchentagen allen Frauen der Kirche Horizonterweiterungen geboten haben. Gott ist nicht einfach nur der HERR! Es gibt so viele wunderbare Gottesbilder: Geistkraft, Freundin, Mutter, ja, Vater gewiss auch. Und die verborgenen Frauen der Bibel und der Kirchengeschichte haben wir entdeckt. Dass die Geistkraft auch spürbar sein kann, ja vielleicht sogar in lutherischer oder reformierter Liturgie einen Platz finden kann, das ist inzwischen für Männer und Frauen eine Bereicherung. Gott sei Dank!  
Ein Wörtlein kann die Verdammung feministischer Theologie fällen:  
►“Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“ (Jes. 66,13)

 

4. Frauenrechte sind Menschenrechte
Es geht um Frauensolidarität über konfessionelle, religiöse und kulturelle Grenzen hinweg.
Weltweit werden Frauen versklavt, vergewaltigt, erniedrigt. Sie haben geringere Lebenschancen, geringere Bildungschancen. Sie haben keinen Zugang zu Verhütungsmitteln. In Ländern wie Saudi-Arabien, mit denen auch Deutschland gern Geschäfte macht, dürfen sie sich ohne einen Mann an der Seite nicht frei bewegen, geschweige denn Auto fahren.
Das geht uns an. Wir leben in einer globalisierten Welt. Flüchtlinge sind Botschafter des weltweiten Unrechts vor unserer Haustür. Deshalb können wir nicht wegschauen und uns in vermeintlich heile Welten flüchten. Deshalb mischen wir uns ein für die Rechte von Frauen in aller Welt. Als Beispiel will ich die Clean Clothes Campaign nennen.  
Ein Wörtlein kann die Egomanie der westlichen Welt und den Nationalismus fällen:   
►Hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.
Ja, Bibelworte könnten fällen. Die Abfälligkeit, mit der Männer über Frauen reden – auch in der Kirche. Die Ungerechtigkeit in unseren Kirchen, die seit Jahrtausenden grassiert und diese Bilder produziert von männlicher Macht. Die Enge der Bilder von Gott, die Menschen nicht frei gemacht hat, sondern verängstigt. Ja, und sie können fällen die Gewalt, das abgrundtiefe Unrecht. Es ist an uns, diese Worte hörbar zu machen. Denn das ist reformatorisch heute!  
Die Beteiligung von Frauen ist geradezu zu einem Kennzeichen der reformatorischen Kirche geworden. „Mit der ‚evangelischen Kirche‘ verbinden nicht wenige Befragte, dass diese Kirche nicht katholisch ist – etwa weil hier auch Frauen Pfarrerinnen sein können…“. (5. KMU)
Das feiern wir heute mit eigenen Tischreden. Und in Erinnerung an Katharina von Bora, Idelette Calvin, Wibrandis Rosenblatt, Elisabeth Bucer, Katharina Jonas und andere. Ein Toast auf sie. Denn: Ein Wörtlein kann fällen, was es an Geschichtsvergessenheit gibt:
►Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein (Jes. 43,1).
Freuen wir uns also am Frauenmahl und möge es viele Frauenmahle an vielen Orten geben!

 


[1] Alle Zitate nach: Wie Theologen Frauen sehen – von der Macht der Bilder, hg. vo. Renate Jost und Ursula
Kubera, Freiburg 1993, hier S. 24.

[2] Ebd. S. 68.

[3] Ebd. S. 69.

Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
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