zum Inhalt

Tischreden und Lesekost

Dr. Laura Meritt - Journalistin

Frauen, Macht, Körper

Vortrag zum Frauenmahl in Freiburg am 20.9.2014


Körper und Macht war eines der zentralen Themen zu Beginn der Frauenbewegung, die sich mit den gesellschaftlichen Strukturen auseinandersetzte und die Auswirkungen der Geschlechterpolitik bzw. des Patriarchates bis in die Körper analysierte.
Die Frauengesundheitsbewegung kritisierte, dass die Beschreibung der Frau mangelhaft sei, sie als Negativfolie des Mannes gesehen werde, Körperteile wie die weibliche Prostata ganz fehlen, andere wiederum ganz in kolonialer Weise von Männern angeblich gefunden und nach ihnen benannt wurden wie zb. Gräfenberg-Punkt oder Bartolini-Drüsen. Auch der Zusammengang zu den anderen Organen und vor allem der gesundheitlichen Aspekt werde konsequent bei der weiblichen Sexualanatomie unterschlagen. Eine vollständige Beschreibung des Power-Komplexes mit allen Drüsen, Adern, Organen und Schwellgeweben oder die Darstellung einer erigierten Clitoris ist bis heute selten zu finden.
Mit dem feministischen Klassiker „Frauenkörper neu gesehen“ schaffte sie Abhilfe und klärte großflächig und detailliert auf. Das Buch wurde 2012 von mir neu herausgegeben und bleibt auch nach 40 Jahren das Standardwerk weiblicher Sexualität.
 
Damals ging es darum, gegen die Macht der weißen Kittel anzugehen und Frauen in ihrer Selbstbestimmung zu unterstützen. Diese umfasst auch sexuelle Selbstbestimmung, denn mit dem Wissen über meinen Körper und meine Sexualität bin ich unabhängiger, kann ich eine andere Lebensplanung anstreben und andere Schwerpunkte setzen.
Die Unterdrückung bzw. Auslöschung dieses sexuellen bzw. gesundheitlichen Wissens der Frauen zog sich über Jahrhunderte hinweg und ist auf macht- und bevölkerungspolitische Bestrebungen zurückzuführen. Mit der Entdeckung des Befruchtungsvorgangs im 18.Jahrhundert (nur Samen und Eizelle sind nötig), die sog. „Aufklärung“, wurde die Geschlechteropposition bzw. Komplementarität vollendet. Die Frau wurde zur Vase, zum Gefäss und ihre Lust verschwand. Freud und andere taten ein weiteres, um das ungleiche Modell von Frau und Mann und die Abhängigkeiten in der Ehe zu zementieren. Heute kommt der kommerzielle Aspekt schwerwiegend hinzu, die Schönheits- und Pharmaindustrie versucht bis in die intimsten Bereiche vorzudringen und mit den sog. „Designermösen“ aktuell eine weitere Norm zu setzen. Studien fanden heraus, dass in den letzten 2 Jahrhunderten die Darstellung der Clitoris immer weiter geschrumpft ist und sich nun auf zwei Striche und einen Punkt reduziert, ganz jungfräulich, unbeleckt und ohne jegliche sexuelle Erfahrungen.
 
In den 70ern gründete sich auch der sex-positive Feminismus, dessen Schwerpunkt sex-positive Angebote und Bildung ist. Sexualität und sexuelle Entfaltung wird hier als Grundrecht gesehen, das durch Zugang aller zu sexuellen Informationen und Materialien gewährleistet wird. (Was passiert, wenn keine Bildung und zb. keine Verhütungsmittel frei zur Verfügung stehen, sehen wir in USA, wo kinderreiche Frauen stigmatisiert und in Armut als Reservearmee zur Verfügung stehen.) Der zweite Grundsatz des sex-positiven Feminismus besagt, dass konsensuelle Sexualität zwischen Erwachsenen keiner Einmischung bedarf, weder vom Staat noch von anderen Personen. Wir leben in einer Kultur der Beschämung, die auch Frauen untereinander ansozialisiert wurde und uns immer wieder zu negativen Bewertungen anderer wie unserer selbst führen soll. Die alte Opposition von Hure und Heilige, binäres Denken und patriarchal moralische Werte werden so zementiert und beruhen im übrigen auf dem Kriterium des sexuellen Wissens. Der dritte Leitsatz lautet: Geschlecht, Identität, Sexualität und auch Anatomie ist konstruiert. Je nachdem in welcher Zeit wir leben und welches Frauen- oder auch Männerbild nützlich ist, wird Anatomie entsprechend beschrieben und als „gesund“ und „normal“ deklariert. Entsprechend hatten Frauen in westlichen Kulturen vor 2 Jahrhunderten durchaus eine Prostata und verfügten über weibliche Ejakulation, was heute als „verkümmert“ oder „nicht existent“ beschrieben wird. Auch das „Jungfernhäutchen“ ist eine ideologische Bezeichnung: nicht nur dass viele Frauen dieses gar nicht haben, bei anderen es eine vollkommen unterschiedliche Gestaltung annimmt und schon gar nicht immer einreisst oder blutet. Das Jungfernhäutchen dient der Unterscheidung der Hure von der Heiligen, also der Aufrechterhaltung einer männlichen Moral, die für Frauen lebensgefährlich ist. Auch hier hilft Wissen weiter, aber auch die Umbenennung in einen anatomischen Begriff, wie es in Skandinavien erfolgte: die „Vaginalkrone“.

Positive Bezeichnungen für Sexualität und die Anatomie sind sehr wichtig, um einen angenehmen Zugang zu sich selbst zu erfahren. Wie heisst sie denn, da unten? Die Scham legen wir ab, die bei uns alles bedeckt. Männer haben ja auch keine Schambeutel oder -stengel. Wir reden von Venus- oder Charmelippen, inneren und äußeren Lippen (um keine Norm zu setzen und meist sind die Lippen ja auch unterschiedlich lang und breit), dem Freudenfluss und der Vulva oder der Clitoris. Cleite war die griechische Göttin der Potenz und will wieder verehrt werden. Vulva heisst wörtlich aus dem Lateinischen übersetzt Gebärmutter und stand einst für die ganze Sexualität, im skandinavischen sind die Volven die Priesterinnen gewesen und den Volvo kennen wir ja als hochwertige und verlässliche Gefährtin. Unglaublicherweise wurde auch hier von der Ärzteschaft der Begriff vollkommen ins Gegenteil verkehrt, seit 2 Jahrhunderten ist die Vulva medizinisch nur das Äußere der Clitoris. Auch sollte das Kapitel Fortpflanzung in den Hintergrund rücken, da das wirklich nicht das ist, was wir am häufigsten in unserem Leben tun. Sexualität und Gesundheit ist das Fach, in dem wir uns bilden wollen.

Jetzt sind 40 Jahre vergangen und die Frauenbewegung hat enorm viel erreicht. Nicht nur dass viele ganzheitlichen und alternativen Ansätze in der Schulmedizin aufgenommen wurden. Sexualität wird heute wenige moralisch definiert, sondern stärker auf Verhandlungsbasis. Masturbation ist als eigenständige Form der Sexualität anerkannt und auch Frauen tun dies, wie die Sexualwissenschaft berichtet. Die Sex-Industrie wurde verändert, Frauen-Sexshops haben Qualität, Farbe und andere Formen aufgebracht, liefern Informationen und bieten Workshops an. Junge Menschen schauen selbstverständlich Pornos oder produzieren sie gleich selbst. Sie reden von PorYes, Feminist Porn oder Indipendent Porn, in denen eine Vielfalt dargestellt wird und Menschen sich beim Sex respektvoll begegnen. Sie richten sich gegen Sexismus und Rassismus und ergänzen weitere Kriterien wie Ageism (Altersdiskriminierung), Sizeism (Körpernorm), Ableism (Diskriminierung aufgrund von Fähigkeiten) etc., bestehen auf Fairporn und konsensuellem Vorgehen. Diese PorYes-Filme werden zunehmend von allen Geschlechtern und Altersgruppen gesehen. Zur politischen Dimension unserer Zeit gehört, dass junge Menschen sich engagieren, auf die Straße gehen wie bei den Slut Walks, gegen Sexismus angehen wie bei #Aufschrei, selbstverständlich Sex-Arbeit ausüben und weitaus differenzierter die gesellschaftlichen Strukturen betrachten. Auch drängen immer mehr Subkulturen in die Öffentlichkeit und tragen zur Vielfalt bei: LGBTTIQ (Lesbisch/schwul/bi/trans/inter/questioning). Mittlerweile haben wir fast das ganze Alphabet durch und hoffentlich bricht bald das System zusammen, so dass wir keine Geschlechterdebatte und -einteilungen mehr brauchen. Wir sind also ganz schön weit gekommen und die jetzige sex-positive Bewegung trägt die sexuelle Selbstbestimmung mit good vibrations weiter. In diesem Sinne schliessen wir uns dem Freudenfluss an, der regelmäßig zum Austausch über sex, gender und politics ruft. Wissen macht sexy und Viva la Vulva!

Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
Besuchen Sie uns unter www.gender-ekd.de.

www.frauenmahl.de benutzt Piwik, eine Open-Source-Software zur statistischen Auswertung der Besucherzugriffe. Mehr dazu.